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Lebenskompetenz - Primärprävention gegen Sucht und Gewalt Michael ESCHE, Helmut GROH
Hundert Jahre Kindergarten St. Johann! Angefangen hat er mit Kindern aus katholischen deutschsprachigen Familien, mit belastbarer Bindung an christliche Werte, mit hohem sozialen Pflichtbewusstsein und bescheidenen Bildungschancen. Heute hat nicht einmal mehr die Hälfte der Kinder ein deutschsprachiges Zuhause. Die Mehrzahl kommt aus fünfzehn verschiedenen Nationen. Viele ihrer Eltern sind kaum der deutschen Sprache mächtig und der Religionen gibt es viele. Diese Eltern vertrauen ihre Kinder gerade diesem Kindergarten an, weil sie hoffen, dass ihre eigenen Erziehungsbemühungen dort sinnvoll ergänzt werden. Die Bildungschancen ihrer Kinder sollen gesichert sein. Ihre Kinder sollen einmal in Deutschland erfolgreich leben. Aus mehrjähriger Zusammenarbeit mit dem Kindergarten St. Johann im Rotary-Projekt „FREUNDE, Primärprävention gegen Sucht und Gewalt“ wissen wir, diese Eltern haben eine gute Wahl getroffen. Warum? Weil in diesem Kindergarten ein hoch motiviertes Team von Erzieherinnen unter Leitung von Frau Elke EHRING in mehrjährigem Vorgriff auf die Bildungsprogramme der Kultusminister in eigener Initiative sich das Wissen angeeignet und in die Praxis umgesetzt hat, wie man Kinder zu starken Persönlichkeiten entwickelt: selbstsicher, belastbar, frustrationstolerant, kommunikationsfähig, sozial verantwortungsbewusst, lernbegierig.
Die neuen Bildungsprogramme der Kultusminister weisen vier Ziele aus: Ich-Kompetenz, Sachkompetenz, Sozialkompetenz und Lernkompetenz. Entwicklung der Ich-Kompetenz ist die Basis für alles andere, Daueraufgabe für die Alltagsarbeit der Erzieherin. Ein Kind soll seine eigenen Gefühle bewusst wahrnehmen und artikulieren. Es soll sich seiner Fähigkeiten bewusst sein, auch altersgemäß wissen, was noch fehlt. Selbstbehauptung und Frustrationstoleranz müssen gelernt werden. Dem Kind muss klar sein, dass Stress und Wut normal sind, aber auch wie man damit umgeht. Ein angemessener Umgang mit Fernsehkonsum und Süßigkeiten muss entwickelt werden.
Nicht nur jeder Lernprozess setzt solche Ich-Kompetenz voraus, auf ihr baut auch Sozialkompetenz auf. Gefühle anderer müssen bewusst und mit Anteilnahme wahrgenommen werden. Konflikte sind normal, aber man löst sie nicht mit Prügeln, man „kommuniziert“ und sucht den Kompromiss. Regeln müssen eingehalten, Aufgaben übernommen und ausgeführt, Gefahren für sich und andere erkannt, Hilfe geleistet werden. Und beides, Ich- und Sozialkompetenz, sind in einer Kindergruppe Voraussetzung für gemeinsames Spiel und Entwicklung der Mobilität, für Vermittlung von Fachkompetenzen wie z-B. Sprache, mathematische Grundlagen oder Umweltwissen, überhaupt für das Zusammenleben im Kindergarten. Wenn es gelingt, Kinder in diesem Sinne zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln, dann ist die Gefahr gering, dass der Lebensweg in Sucht oder Gewalt endet. Ich- und Sozialkompetenz sind Basiskomponenten der Lebenskompetenz. Erzieherinnen schulen für deren Vermittlung, insbesondere auch für die dafür unerlässliche Zusammenarbeit mit den Eltern, das ist der Inhalt des von Rotary finanzierten FREUNDE-Projekts. Der Kindergarten St. Johann hat es mit Exzellenz gemeistert.
Noch einige Ergänzungen! Die UNESCO hat es mehrfach nachgewiesen, dass unser deutsches Bildungssystem Mängel hat, dass insbesondere Kinder aus sozial schwachen Familien benachteiligt sind. Rund die Hälfte der Schulanfänger in der Grundschule haben Sprachprobleme, fast ein Drittel Verhaltensstörungen. Statistiken weisen aus, dass in diesen Fällen der Schulerfolg gefährdet ist, dass vielfach der Berufseinstieg nicht gelingt. Der Ausweg wird dann häufig in Sucht und Abhängigkeit oder Gewalt und Verbrechen gesucht. Dieses Problem muss bereits im Kindergartenalter angegangen werden. Die Persönlichkeit eines Menschen ist im sechsten Lebensjahr schon weitgehend geprägt. Wir dürfen nicht weiterhin die Hälfte unserer Begabungsreserven vergeuden. In Deutschland fehlen heute 20 000 Jungingenieure, ein Jahrgangs-Output unserer technischen Studiengänge. Bei Informatikern ist es noch schlimmer und bei Facharbeitern oft nicht viel besser.
Aber endlich gibt es nun in Deutschland staatliche Bildungsprogramme für Kindergärten. Diese Bildungsprogramme müssen gemäß verfassungsgemäßer Subsidiarität von den Trägern in Eigenregie umgesetzt werden, der Staat kontrolliert nur die Qualität der Bildungsarbeit. Das ist zweifellos optimal, wenn es um Werte, um Ich- und Sozialkompetenz geht. Aber es fehlt ein Mindestprogramm für Fachkompetenzen, auf dem Lehrpersonen in der Grundschule aufbauen können. Ein wesentlicher Teil der möglichen Bildungschancen wird damit wieder verspielt. Auch hier geht es um Lebenskompetenz. Hier müssten die Träger über ihre Schatten springen. Was im Sekundarbereich angestrebt wird, nämlich landesweite Bildungsstandards, das brauchen wir auch im Kindergarten. Durch klar definierte Lernziele bei Fachkompetenzen muss die Grundschule wissen, auf was sie aufbauen kann. Aber dazu findet man in den Bildungsprogrammen nur vage Gemeinplätze. Was Wunder, in den Verfasserteams sucht man Ingenieure, Naturwissenschaftler und Ökonomen vergebens. Leute, die aus Praxiserfahrung wissen, wie das Sozialprodukt entsteht und wie man einen effizienten (Lehr-Lern-)Prozess organisiert, sie waren nicht gefragt.
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