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„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Vom LERNEN vor Beginn der Grundschulzeit
Sprichwörter wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ treffen nicht auf alles und auf jeden zu. Aber ein Körnchen Wahrheit beinhalten sie immer.
Wenn mit Kindern über das Lernen gesprochen wird, wird oft schnell die Schule ins Spiel gebracht. Es heißt dann: „Das lernst du in der Schule!“ - Richtig, aber mehr als in ihrer Schulzeit lernen Kinder nachweislich schon vor Eintritt in die erste Klasse. Und vieles, was sie bis zum sechsten Lebensjahr nicht gelernt haben, lastet oft wie eine schwere Hypothek auf den Kindern. Es ist nicht einfach, diese Defizite später aufzuholen. Manchmal ist es fast nicht mehr möglich. Gemeint sind dabei nicht Fertigkeiten wie das Leise sein, das Schuhe binden oder höflich zu sein. Vielmehr sind fehlende Grundlagen für den Schriftspracherwerb sowie für den mathematischen, naturwissenschaftlichen und musischen Bereich gemeint. Denn „für Bildung gibt es kein Mindestalter. Also muss es darum gehen, schon die Kleinsten in ihrem Entdeckungsdrang professionell zu begleiten und mit ihnen gemeinsam immer wieder neue, kindgerechte Lernsituationen zu schaffen. Denn das Zeitfenster der frühkindlichen Bildung ist neben der sozial-emotionalen u.a. für die sprachliche wie mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz von grundlegender Bedeutung.“ (Zitat aus: Forum E, Zeitschrift des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Behrensstraße 23/24, 10117 Berlin, Bildung hat kein Mindestalter – ein Plädoyer für die frühkindliche Förderung von Doris Feldmann, Seite 11, Oktober 2007)
Im Folgenden will ich auf das Elternhaus und den Kindergarten als wichtige Initiatoren für das Lernen vor Beginn der Grundschulzeit eingehen.
Das Elternhaus
Dass Kinder von Geburt an - ich denke in gewissem Maße auch schon während der Schwangerschaft - lernen, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist wichtig, es noch einmal bewusst zu machen. Kinder lernen in den frühen Jahren
- aus eigenem Antrieb,
- mit allen Sinnen und
- mit viel Neugier und großer Energie.
Das frühe Lernen zu unterstützen und zu fördern ist zunächst Aufgabe - mehr noch Pflichtaufgabe - der Eltern. „Lange Zeit wurde dies als problematisch angesehen, da die Devise hieß: Kindorientierung statt Leistungsorientierung. Das Kind wurde als ein schwaches Wesen dargestellt. Aber in Wirklichkeit sind Kinder stark. Sie werden mit vielen Fähigkeiten geboren. Kinder wollen etwas leisten. Kinder als stark und kompetent zu betrachten, entbindet die Erwachsenen jedoch nicht von ihrer Verantwortung, Kinder zu schützen.“ (vgl. „Bildungsprogramm für Saarländische Kindergärten“, verlag das netz, Weimar, Berlin, 2006, Seite 9) Die Eltern sollen dabei die Entdeckerfreude und Fantasie der Kinder nutzen und trotzdem fürsorglich handeln. Das Lernen vollzieht sich im Alltagsgeschehen und ohne Stundenplan.
Hier einige Beispiele:
Kinder müssen sich bewegen und Sport treiben. Wichtig sind aber auch Phasen der Ruhe und Stille. Fernsehen schauen bringt die Kinder dabei nur zur Pseudoruhe und ist unkontrolliert sehr schädlich. Statt Fernsehen zu schauen, kann man gemeinsam ein Spiel spielen. Denn z. B. beim Würfelspiel wird die Mengenerfassung bis sechs als Grundlage für das Zählen und Rechnen angebahnt.
Wir nehmen einmal am Tag eine gemeinsame Mahlzeit ein. Die Kinder helfen bei der Vorbereitung des Essens und decken den Tisch. Sie üben die Tischregeln ein und man redet miteinander.
Malen, Ausschneiden, Basteln und Kleben bringen manchmal kurzfristig etwas Stress und Unordnung. Die Kinder sollen diesbezüglich aber bei Schuleintritt Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten beherrschen.
Die Küche nach dem gemeinsamen Plätzchenbacken wieder aufzuräumen, ist gegenüber den vielen Erfahrungen, die Kinder beim Experimentieren, selbst Entdecken und selbstständigen Tun machen, eine Kleinigkeit.
Schließlich ist das tägliche Vorleseritual - vielleicht vor dem Schlafengehen - einer der ersten wichtigen Schritte für das Erlernen des Lesens und Schreibens. Zuhören, eigenen Geschichten erzählen und vielleicht schon Buchstaben z.B. im eigenen Namen erkennen sind Grundkompetenzen, die schon im frühkindlichen Lernen erworben werden müssen.
Dies alles klingt einfach und ist leichter aufzuschreiben als im Alltag umzusetzen. Dies weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine jüngste Tochter Ann-Sophie ist dreieinhalb Jahre alt und will aus eigenem Antrieb vieles alleine machen. Da ist oft Geduld angesagt und manchmal guter Rat teuer. Da man als Eltern nicht alles können kann, aber im Interesse der Kinder können sollte, möchte ich das Wort „Elternschule“ ins Spiel bringen. Als Eltern etwas dazuzulernen, ist nicht verwerflich. Eltern sollen/müssen - wenn nötig - professionelle Hilfe annehmen.
Im Kindergarten
Der Eintritt in den Kindergarten stellt für die Kinder einen wesentlichen Einschnitt in ihr bisheriges Leben dar. Die Kinder werden mit einer anderen Umgebung und anderen Bezugspersonen konfrontiert. Sie müssen sich in größeren Gruppen an Regeln halten und viele Aufgaben selbstständig erledigen. Damit zu Recht zu kommen, ist nicht einfach. Deshalb ist es notwendig, dass die Kinder dort abgeholt werden, wo sie nach den ersten Jahren der Erziehung im Elternhaus angekommen sind. Das gelingt durch einen regelmäßigen und intensiven Kontakt der Erzieherinnen und Erzieher zu den Eltern. Das einzelne Kind im Blick zu haben und seine Lebenssituation außerhalb des Kindergartens zu kennen, ist wichtig für die Arbeit mit dem Kind. So kann dann der Kindergarten als wichtige Ergänzung zum Elternhaus die Entwicklung des Kindes weiter fördern.
Nach IGLU und PISA heißt - nicht nur in der Schule - das Zauberwort „Kompetenz“. Ziel ist es, dass Kinder bestimmte Kompetenzen erwerben. Was soll ein Kind kennen und können, wenn es in die Schule kommt? „Welche Gefühle sind dabei im Spiel? – Und dies alles unter Berücksichtigung von viel Eigeninitiative und dem eigenen Willen des Kindes. Die Basiskompetenzen sind die Ich-Kompetenz, die Sozial-Kompetenz, die Sach-Kompetenz sowie die Lern-Kompetenz.“ (vgl. auch „Bildungsprogramm für Saarländische Kindergärten“, a.a.O., Seite 14)
Beim genauen Hinsehen und als Hilfe für die Praxis sind die Inhalte, mit deren Hilfe die Kompetenzen erworben werden, zwar oft einfach, eigentlich alltäglich und selbstverständlich. Aber gerade deshalb dürfen sie nicht unterschätzt oder sogar vernachlässigt werden. Es muss alles darangesetzt werden, dass die Kinder grundlegende Dinge, von denen ich im Folgenden einige exemplarisch aufliste, vor Eintritt in die Schule lernen:
- Grobmotorik (auf einem Bein stehen und hüpfen; werfen - fangen - prellen; rhythmisch klatschen)
- Feinmotorik (malen, ausmalen, ausschneiden, falten, Stift und Pinsel halten, rechts und links unterscheiden, Kleidung anziehen)
- Sprache: klar, verständlich und zusammenhängend sprechen; alle Laute und einen angemessenen Wortschatz beherrschen; Anweisungen verstehen
- Gedächtnis: Spielanweisungen behalten; sich mehr als drei Gegenstände merken können; bis 10 zählen können; simultanes Erfassen von Mengen bis 5; Erkennen von Relationen wie mehr / weniger / gleich viel; Geschichten nacherzählen können; Erlernen von Reimen, Gedichten und Liedern; Angaben zur eigenen Person und zur Familie behalten können
- Wahrnehmung: Farben / Formen erkennen; Muster nachlegen; etwas nachbauen, Geräusche und Klänge erkennen und unterscheiden; phonematische Differenzierung (z.B. klangähnliche Laute und Wörter unterscheiden)
- sozial-emotionale Entwicklung: Kontakte knüpfen; Regeln einhalten; zuhören können; Konflikten umgehen; Gefühle zeigen können; Rücksicht und Mitgefühl zeigen können
(vgl. Sächsisches Staatsministerium für Kultus, Carolaplatz 1, 01097 Dresden, Verbesserung der Schuleingangsphase, Kapitel 4, Seite 1ff)
Bei regelmäßigen Kontakten zwischen Erzieherinnen/Erziehern und den Eltern soll die Entwicklung des Kindes besprochen werden. Der gegenseitige Austausch von Beobachtungen und Erfahrungen im Umgang mit dem Kind hilft bei der Abstimmung von notwendigen Maßnahmen zur weiteren Förderung.
So vorbereitet, kann die Schule beginnen. Rechtzeitige Kontakte des Kindergartens zur Grundschule helfen ebenfalls, den Übergang in die Grundschule zu erleichtern. Grundlegende Lernprozesse sind angebahnt. Die Schule kann darauf aufbauen und u.a. den Schriftspracherwerb, mathematische bzw. naturwissenschaftliche Grundkenntnisse oder musische Fähigkeiten zügig fördern. Diese Förderung muss aber immer dem individuellen Lern- und Entwicklungsstand des Kindes angepasst sein. Den Kindern soll bewusst werden, dass sie schon viel gelernt haben, und die Schule sie dort abholt, wo Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher sie hingeführt haben.
Lernzeit ist also nicht identisch mit der Schulzeit. Lernen ist lebenslanges Lernen. Und etwas „begreifen“ kann man nur, wenn man es selbst tut. So sollten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie die Lehrkräfte bei der verantwortungsvollen Aufgabe, die Kinder beim Lernen zu unterstützen, folgenden Satz von Piaget stetig vor Augen haben:
„Wer einem Kind die Lösung eines Problems sagt, betrügt es um seine eigene Erfahrung.“
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